Schullosung 2013: Gemeinsam auf den Weg machen, suchen und verändern
Marseille
Marseille
EINLEITUNG
Die mehr
als zweieinhalb Jahrtausende andauernde Geschichte Marseilles hat ihre Spuren in
vielerlei Hinsicht in der ältesten Stadt Frankreichs hinterlassen. Das macht
Marseille für mich interessant und hat mir den Ansporn gegeben mehr darüber
hinauszufinden.
Wer
erwartet, auf den nächsten Seiten einen Touristenführer zu finden, der wird
enttäuscht werden und sollte besser gleich in den Baedeker schauen, denn der ist
dafür besser geeignet. Ziel der folgenden Ausführungen ist es, die Lage
Marseilles und anschließend die Stadtentwicklung näher zu erläutern.
Marseille
hat, wie viele andere Großstädte auch, aufgrund seiner diesbezüglichen
Dimensionen gewisse Probleme, wie zum Beispiel den Verkehr, da eine so alte
Stadt kaum für das Verkehrsaufkommen der heutigen Zeit geschaffen sein kann.
Aber auch andere Punkte geben Anlaß zur Sorge, vor allem die wirtschaftliche
Situation Marseilles, die wenig rosig aussieht. Die daraus resultierende hohe
Arbeitslosenzahl ist momentan das schwerwiegendste Desaster, das die Stadt in
den Griff zu bekommen hat.
1 Lage
Mit Marseille, östlich
des Mündungsdeltas der Rhone gelegen, verfügten
die Phokäer über einen
geschützten, relativ
gut zu verteidigenden Hafenplatz in
Beckenlage. Der Bucht im Golfe du Lion, im Norden
durch das Kap Méjean und im Süden durch das Kap Croisette
eingerahmt, sind die Inseln Ratonneau, Pomègues und d’If
vorgelagert. Das Becken wird durch Ketten von Kalkbergen
gegen das Hinterland abgeschirmt. Die Chaîne de l’Estaque im
Nordwesten (300 m) riegelt Marseille gegen das Etang de Berre
ab und schützt es vor dem Mistral.
Aufgrund seiner Küstenlage, der
Großraum Marseille besitzt
eine Küstenlinie von 57 km, ist man
zur Seeseite starken Böen ausgesetzt. So hat
Marseille im jährlichen Durchschnitt an 104 Tagen mit starkem Wind zu rechnen.
Im Norden und Nordosten bildet die Chaîne de l’Etoile (730 m) die Barriere zum
Hinterland, die Chaîne de Saint Cyr (610 m) im Südosten und die Montagne de
Marseilleveyre (432 m) im Süden. Der Berggürtel um Marseille besitzt lediglich
an zwei Stellen, im Norden und im Osten, einen relativ einfachen Durchlaß zum
Hinterland. Durch diese beiden Zugänge zum Marseiller Becken laufen die
Hauptverkehrswege und Eisenbahntrassen.
Das
Becken von Marseille ist ein felsig, hügeliges Gelände, das von steil
aufragenden Felsrücken mit bis zu 160 m Höhe durchsetzt ist. Das Gelände steigt
vom Meer her allmählich bis auf etwa 200 m an und geht dann steil in die das
Becken umrahmenden Bergketten über. Die Stadt, deren Ausdehnung von Norden nach
Süden 18 km und von Westen nach Osten 16 km beträgt, umfaßt eine Fläche von
knapp 30.000 ha, von denen etwa 13.200 ha an Hängen mit Steigungen von über 15%
liegen.
2
Stadtentwicklung
Die
Phokäer gründeten ihre Handelsniederlassung im Bereich des Hügels Saint Laurent,
nördlich des alten Hafens. Bis zu Beginn des 11. Jahrhunderts dehnte sich die
Stadt nur unwesentlich weiter aus, umfaßte nun aber auch die Gebiete um den
Mühlen- und Carmes-Hügel. Um das mühsame Be- und Entladen direkt am Strand zu
beenden,
beginnt man 1520, den alten
Marseiller Hafen „Lacydon“ auszubauen. Bis
zum 17. Jahrhundert entwickelt sich die
Stadt, ähnlich einem Amphitheater, ausschließlich
um den alten Hafen herum. Mit Beginn
des 18. Jahrhunderts wächst die Stadt über die
Stadtmauern hinaus. Entlang der Ausfallstraßen
entstehen kleinere Vororte. Bis zur Wende vom 18. zum 19.
Jahrhundert beschränkt sich Marseille vorzugsweise auf einen
Halbkreis mit einem Radius von etwa
einem Kilometer, dessen Zentrum der alte Hafen bildet. In diesem Bereich
befindet sich die Altstadt, deren Erscheinungsbild durch enge, verwinkelte,
teilweise nur über Treppen miteinander verbundene, Straßen und kleine Plätze
geprägt wird. Da die Altstadt, ausgehend vom Hügel Saint Laurent, auf sehr
unebenem Gelände errichtet wurde, wird das Straßenbild dementsprechend von mehr
oder weniger starken Neigungen geprägt, die zumeist durch die schon
angesprochenen Treppen überbrückt werden. Die Altstadt ist von prächtigen
Boulevards mit architektonisch ansprechenden Häusern im Stil des 19.
Jahrhunderts umgeben.
Die
„moderne“ Stadtentwicklung setzte zwischen 1830 und 1840 ein und richtet sich
hauptsächlich nach Süden und in östlicher Richtung. Sie folgt den Hauptachsen
entlang der Boulevards Lonchamp und Baille, der Avenue du Prado und dem
Boulevard Vauban. All dies befindet sich heute im eigentlichen Zentrum der
Stadt, das den alten Hafen bis zu einer Entfernung von drei Kilometern
umschließt. Nach dem Ausbau des neuen Hafens „La Joliette“ in den frühen
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, verband man diesen mit dem alten Hafen
durch die Rue de la Republique, einer breiten, schnurgeraden Magistrale von
ziemlich genau einem Kilometer Länge.
Ab der
Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt Marseille durch seine zentrale Bedeutung im
französischen Welthandel ein starkes Wachstum der Industrie, was vor allem auf
die imperialistischen Ambitionen des Landes zurückzuführen ist. Vor allem die
verarbeitende Industrie erlebt, basierend auf den stetigen Rohstoffzustrom aus
den Kolonien und überseeischen Provinzen, einen wahren Boom. Betriebe, wie
Zuckerraffinerien und Eisenhütten schießen wie Pilze aus dem Boden, was die
Bodenpreise in ungeahnte Höhen steigen läßt.
Ab dem
Jahre 1870 hört die Bautätigkeit weitgehend auf und der eigentliche Stadtkern
wird für längere Zeit nicht wesentlich verändert. Nur die Rue Paradise und
andere kleinere, vom alten Hafen nach Norden führende Straßen werden verändert.
In diesem Gebiet setzt die Bebauung mit einfachen Einzel- und Mietwohnhäusern
für Arbeiter erst mit der Jahrhundertwende wieder ein. Nun werden auch
allmählich die Baulücken zu den ländlichen Vororten geschlossen, was durch die
elektrische Straßenbahn unterstützt wird, da die Stadt ein rapides Wachstum
entlang der Hauptverkehrswege erlebt. Neben dem weiteren Ausbau der Straßen,
wurde 1870 die Eisenbahn eingeweiht, die zur damaligen Zeit die Stadt in einem
Bogen im Osten umfaßte – heute führt diese Verbindung mitten durch die Stadt.
Die Besiedlung erfolgt wiederum weitgehend ungeplant und ist dementsprechend
uneinheitlich, was sich in der Art bis in die Mitte der dreißiger Jahre des 20.
Jahrhunderts fortsetzt.
Die Zeit
von 1956 bis 1961 beschert der Stadt den Höhepunkt in der Bauentwicklung und der
Grundstücksspekulation. Beide sind eng mit Zunahme der städtischen Bevölkerung
verbunden, vor allem durch aus Algerien zurückkehrende Franzosen und den damit
verbundenen zurückfließenden Vermögenswerten. Aber auch die Anlage von
Marseiller Kapital in Immobilien und die jährlich ansteigenden Touristenströme
sind ausschlaggebend für den einsetzenden Bauboom, an dem sich auch die
Stadtverwaltung mit der Schaffung von Sozialbauwohnungen gehobeneren Anspruchs
beteiligt. In diesem Zeitraum wurden nicht ganz 40.000 Wohnungen errichtet,
davon etwa 50% in den Außenbezirken; 85% bis 90% liegen in einem Bereich von bis
zu fünf Kilometern Entfernung zum alten Hafen, wovon wiederum 20% als
Luxuswohnungen zu bezeichnen sind.
Trotz
einer gewissen Planung ist das bauen in den Vorortgebieten immer noch etwas
wirr. In den 60er und 70er Jahren wird durch die Schaffung der Z.U.P (Zone
d’Urbanisation prioritäre) und der Z.A.C. (Zone d’Aménagement concerté) eine
Strukturierung in die Stadtplanung gesetzt, indem Prioritäten bezüglich
Verstädterung und Wirtschaft in Hinblick auf die städtebauliche Akzentuierung
gesetzt werden.
3
Strukturelle Faktoren
3.1 Verkehr
Alle
großen Verkehrsachsen in Marseille
sind auf das Zentrum beziehungsweise
den alten Hafen ausgerichtet (Abb.3).
Wichtigste Hauptverkehrsadern sind die sich im rechten
Winkel kreuzenden, von Nordnordwest
nach Südsüdost verlaufenden und jeweils
ineinander übergehenden Straßenzüge, angefangen
bei der Rue d‘Aix bis
einschließlich des Prado einerseits und
die von Ostnordost nach
Westsüdwest auf den alten Hafen
zulaufende Canebière mit ihrer Verlängerung
über den Boulevard de la
Libération andererseits. Verläßt man das
Zentrum, weisen die Straßen
keine geradlinige Führung mehr auf, sondern folgen den alten ländlichen
Wegen, die in die Vororte oder ehemaligen Dörfer führten. Die Innenstadt von
Marseille bietet wenig Raum, um das bei einer Millionenstadt anfallende
Verkehrsaufkommen effektiv bewältigen zu können. In dem Faktum, diesem Dilemma
nicht im entscheidenden Maße Herr werden zu können, liegt eines der größten
Probleme der südfranzösischen Hafenstadt. Vor allem in den ältesten Vierteln
Marseilles, in den Bezirken Hôtel de Ville und Les Grands Carmes, sowie in den
nördlichen und südlichen Nebenstraßen der Canebière sind die Straßen so eng, daß
man Mühe hat, nicht gegen Häuserwände oder parkende Autos zu fahren. In diesem
Innenstadtbereich kann das Verkehrsproblem nicht durch Schaffung oberirdischer
Straßen, vor allem Entlastungsstraßen, gelöst werden. So hat man den alten Hafen
untertunnelt, um in der Innenstadt den Nordsüdverkehr zu erleichtern.
Des
weiteren wurden drei Autobahnen gebaut, die in der Innenstadt enden. Zwei der
Autobahnen wurden zwar durch eine periphere Entlastungsschnellstraße indirekt
miteinander verbunden, die vom Hafen aus gesehen in etwa zwei Kilometer
Entfernung um die Innenstadt gelegt wurde. Diese tragen aber nur wenig zur
Lösung des innerstädtischen Verkehrsproblems bei.
Der
nächste Schritt war der Versuch, durch ein gut ausgebautes Netz von Motor- und
Oberleitungsbussen (insgesamt 79 Linien) und zwei U-Bahnlinien von jeweils neun
Kilometern Länge, den privaten Autoverkehr auf die öffentlichen Verkehrsmittel
umzulenken. Insgesamt verfügen alle städtischen Verkehrslinien über ein
Streckennetz von 720 Kilometern auf dem jährlich etwa 100 Millionen Personen
befördert werden. Da in der Innenstadt jedoch noch Parkplätze im Bereich des
alten Hafens und vor allem riesige mehrstöckige Tiefgaragen vorhanden sind,
besteht trotz hoher Parkgebühren immer noch der Anreiz, das Auto im
Innenstadtbereich zu nutzen, womit natürlich sämtliche Versuche dies
einzuschränken, untergraben und sabotiert werden. Ausschlaggebend dafür ist
allerdings auch die große Zahl von Pendlern (knapp 400.000 täglich), die jeden
Tag in die Stadt kommen, um ihrer Arbeit nachzugehen. Innenstadt konfrontiert.
Eine
praktikable Lösung für dieses Dilemma scheint vorerst noch nicht in Sicht zu
sein, obwohl momentan modernere öffentliche Verkehrsmittel und bessere
Verkehrswege geschaffen werden.
Durch die
Beckenlage Marseilles ist der Waren- und Personentransport in die Stadt hinein
und aus ihr heraus nicht gerade als ideal zu bezeichnen. Die Möglichkeiten,
Marseille zu erreichen, beschränken sich alles in allem auf drei. Die größte
Warenmenge erreicht Marseille über seinen Hafen, der zu den größten Frankreichs
zählt und einen enormen Warenumschlag hat. Des weiteren verbleiben Marseille die
beiden Schneisen in seiner Bergumrahmung, um eine Verbindung mit dem Hinterland
zu bekommen. Durch beide laufen sämtlichen Schienen und großen
Straßenverbindungen. Durch die breitere Öffnung im Norden, zwischen der Chaîne
de l’Estaque und der Chaîne de l’Etoile, verlaufen zwei Autobahnen (A 51 und A
55), wobei die A 55 noch relativ neu ist, in Richtung Etang de Berre und nach
Aix en Provence. Durch die begrenzten Zugänge, ist das Personen- und
Warenaufkommen auf diesen Strecken besonders hoch. Allein die französische
Staatsbahn (SNCF) befördert in Marseille (Ein- und Ausfahrten) jährlich etwa
zwei Millionen Menschen und weist einen Warenumschlag von knapp drei Millionen
Tonnen auf. Mit dem 20 km entfernten Flughafen „Marignane“ am Etang de Berre ist
Marseille durch Bahn und Autobahn verbunden.
3.2
Wirtschaft
Marseilles Wohlstand ist bis weit in das 20. Jahrhundert eng mit dem Seehandel
verknüpft, mit dem Schwerpunkt Handel, Lagerung, Weiterverarbeitung, Verkauf und
Export.
Zum Ende
des 17. Jahrhunderts hin erhält Marseille das Handelsmonopol mit der Levante.
Vor allem der Import von Gewürzen, Wolle, Kaffee, Zucker und Getreide und deren
Weiterverarbeitung prägen das Wachstum der Industrie. Besonders die
verarbeitende Industrie wie Zuckerraffinerien, Gerbereien und Getreidemühlen,
die sich im Bereich des Hafens ansiedelte, erlebte einen Aufschwung, da mit der
exklusiven Stellung Marseilles im Seehandel ein stetiger Zustrom von
verschiedensten Gütern garantiert war.
Im 18.
Jahrhundert erreichte die wirtschaftliche Entwicklung, die Vermögensbildung und
der allgemeine Wohlstand der Stadt einen Höhepunkt, der sich bis zum Ende
folgenden Jahrhunderts durch den Handel mit den französischen Kolonien
fortsetzte. Durch die Einfuhr von Erzen wie Eisen, Bauxit und anderen
Rohstoffen, wie beispielsweise Tabak und Holz, kommt es zur Ausbildung weiterer
Industriezweige wie Eisen- und Aluminiumhütten, sowie chemischer Industrie,
Schiffsbau, mechanische- und elektrotechnische Industrie. All diese
Industriezweige waren weitgehend von der Weiterverarbeitung von
Kolonialprodukten und deren Verkauf abhängig.
Ab der
Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, bedingt durch das Ende der
französischen Kolonialperiode, nahm die Bedeutung der Marseiller Industrie immer
weiter ab. Durch das Ausbleiben wichtiger Rohstofflieferungen und das
Verschwinden wichtiger Absatzmärkte gerieten die darauf angewiesenen
Industriezweige in eine schwere Krise.
Von
diesem Schlag, den Marseille durch den Wegbruch seiner angestammten
Industriezweige erlitten hatte, erholte es sich bis zum heutigen Tage nicht
richtig. Im Zusammenhang mit der starken Bevölkerungszunahme, die die Stadt bis
1975 erlebte, dem damit verbundenen Bauboom und durch einen steigenden
Warenumschlag im Hafen, erlebte die Wirtschaft noch einmal einen Aufschwung, den
man rückblickend allerdings als künstlich bezeichnen muß. Da er zu sehr auf die
o.g. Faktoren zugeschnitten war, wie zum Beispiel die Bauindustrie, konnte er
nicht zu einem dauerhaften Aufwärtstrend in der Industrie führen und starb mit
dem Verschwinden der Begünstigungsfaktoren ab.
Heute
sind die erwähnten Industrien, abgesehen von kleineren Unternehmen wie in der
Seifenherstellung, weitgehend verschwunden. Ihre Produktionsgelände liegen brach
oder sind Bauland geworden.
Da
Marseille Jahrhunderte lang nur auf die überseeischen Gebiete ausgerichtet war
und seine Verbindungen und Beziehungen zu seinem Hinterland, vor allem zu den
europäischen Nachbarstaaten vernachlässigte, wurde der Anschluß an die
industrielle Entwicklung, besonders Nordeuropas und der EG, regelrecht
verschlafen. Da sich solche Beziehungen über einen langen Zeitraum entwickeln
müssen, steht Marseille in Anbetracht der Situation in den nächsten Jahren keine
großartige Verbesserung der Situation bevor.
Fakt ist,
dass das industrielle Schicksal Marseilles besiegelt zu sein scheint. Die
Umschlagtonnage im Hafen von Marseille hat stagniert und ist zurückgegangen. Die
Arbeitslosenzahl stieg im Laufe der letzten Jahre weiter an, die Steuereinnahmen
der Stadt gingen zurück. Die wirtschaftliche Entwicklung Marseilles war stets
ein Ausdruck der Bevölkerungsentwicklung. Die Einwohnerzahlen der Stadt sind
rückläufig. Mit dem Verlust seiner wirtschaftlichen Bedeutung ist auch der
Einfluß der Stadt im Großraum Marseille zurückgegangen. Man versucht als
Ausgleich den Dienstleistungssektor auszubauen und den Tourismus zu fördern.
SCHLUSSBETRACHTUNG
Das einst
stolze Marseille, das durch seine wirtschaftliche Stärke der Kern des
französischen Außenhandels war und sich durch sein geschäftiges Treiben
auszeichnete, glänzt schon lange nicht mehr. Alles was von diesem Ruhm übrig
blieb, ist die herrliche Architektur dieser schönen, von Wasser und Gebirgen
eingerahmten Stadt am Golf du Lion. Das Bild des heutigen Marseilles wird vor
allem durch die „überwachsenen Ruinen“ der traditionellen Industrie geprägt und
den schweren Folgen dieses Niedergangs, die sich vor allem in der
Arbeitslosenquote widerspiegeln.
Marseille
als ganzes ist bestimmt keine Schönheit und hat mit den typischen Problemen
einer Großstadt zu kämpfen, wie zum Beispiel der Verkehr. Doch wenn man hinter
die Fassaden schaut, in die Hinterhöfe verschiedener Aspekte einen Blick wirft,
dann wird man ein ganz anderes Marseille entdecken. Was man dort findet ist
touristisch kaum brauchbar. Vielmehr sind es kleine Bausteine, die helfen, das
ganze Gefüge Marseille zu verstehen uns auch lieben zu lernen, auch wenn es auf
den ersten Blick abstoßend wirkt. Man entdeckt die Zusammenhänge der
verschiedenen Strukturen, man sieht die Details, die diese Stadt so interessant
machen.
Marseille
wird aber wohl nie wieder zu der industriellen Größe gelangen, die es einst
besaß, zumindest nicht in absehbarer Zeit.
Die
Zukunft Marseilles liegt auf anderen Gebieten: Forschung, Kultur und Bildung.
Diese Zukunft wird langsam in Angriff genommen, doch es ist ein schwerer Schritt
und braucht seine Zeit. Es ist nicht einfach, von seinen alten Idealen und
Vorstellungen abzugehen, aber eine andere Möglichkeit scheint der Stadt nicht zu
bleiben. Doch mit der Zähigkeit, die diese Stadt der Geschichte getrotzt hat,
Kriege und Pest überlebt hat, so wird sie mit Sicherheit auch dieses Problem
bewältigen.
Anhang
Täglicher
Pendelverkehr von und nach Marseille:
Die
Arbeitssituation in Marseille hat zur Folge, daß täglich eine Großzahl von
Pendlern die Hauptverkehrsachsen belasten. Somit kommt es zu den Stoßzeiten zu
einem regelrechten Chaos auf den Ein- und Ausfallstraßen. Der Hauptteil der
knapp 400.000 Pendler strebt in die verschiedenen Industriezentren im Norden der
Stadt um das Etang de Berre oder in das Becken von Aix. Ein weiterer Schwerpunkt
liegt im ostwärts gelegenen Becken von Aubagne. Man darf keinesfalls davon
ausgehen, daß es sich bei diesen Zahlen um Arbeiter handelt, die in Marseille
selbst einer geregelten Arbeit nachgehen, vielmehr sind es hauptsächlich jene
Menschen, die ihren Arbeitsplatz außerhalb Marseilles liegen haben. Anhand der
Entfernungen zu den einzelnen Gebieten, läßt sich die schlechte
Arbeitsplatzsituation der südfranzösischen Hafenstadt gut erkennen.
Entwicklung des Hafenumschlages von Marseille:
Die
Grafik zeigt die Entwicklung des Hafenumschlages seit der 30er Jahre. Der mit
dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Rückgang, kann erst mit Beginn der 50er Jahre
kompensiert werden. Ab diesem Zeitpunkt erlebt Marseille einen anhaltenden
Aufwärtstrend, der erst Mitte der 80er zu stagnieren beginnt, als die neuen
Hafenanlagen am Etang de Berre wirtschaftsrelevant wurden. Die letzten drei
Säulen zeigen den Umschlag von Marseille und Fos-Lavera zusammen, was eine
rückläufige Tendenz im eigentlichen Marseiller Hafen erkennen läßt. Es bleibt
abzuwarten, wie sich der weitere Verkauf gestaltet und ob ein weiterer wichtiger
Arbeitgeber in Marseille damit bedroht ist.
Bevölkerungsentwicklung Marseilles seit 1520:
Die
stetig ansteigende Bevölkerung Marseilles erlebte 1720-21 einen schweren
Einbruch, als die Pest fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung dahinraffte.
Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der großflächig einsetzenden
Industrialisierung, erhielt die Stadt einen gewaltigen Bevölkerungsschub durch
Zuwanderer und höherer Geburtenraten im Verhältnis zu den Sterbefällen, woran
vor allem die Medizin und die sanitären Verbesserungen einen großen Anteil
hatten. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges erlebte Marseille noch einmal eine
Flaute, kam aber mit seinem Ende erneut zu einem rapiden Bevölkerungswachstum.
Mit Beginn der wirtschaftlichen Krise und ihren Auswirkungen in der Mitte der
70er Jahre des 20. Jahrhunderts, verlor die Stadt stetig ihre Einwohner, die auf
der Suche nach Arbeit abwanderten und sich im Umland ansiedelten. Der
Abwärtstrend hält noch immer an und es ist momentan kein Ausweg zu erkennen,
diesen zu stoppen, da benötigte Arbeitsplätze nicht zur Verfügung stehen.
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