Schullosung 2013: Gemeinsam auf den Weg machen, suchen und verändern
Osterbrief 2007 aus Talitha Kumi
Frohe Ostern
Liebe Freunde und Förderer von Talitha Kumi,
am vergangenen Sonntag feierten wir Palmsonntag und erinnertenn uns daran, dass an diesem Tag Jesus in Jerusalem eingezogen sein soll. Mit Olivenzweigen und mit Palmblättern soll Ihm die Menge der Menschen "Hosianna" zugerufen haben, mit Symbolen der Unabhängigkeit hat sie an die Besatzung durch die Römer erinnert. Und Jesus hat als sein Symbol den Esel gewählt, das Symbol für Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit.
Irgendwie gehen einem an solchen Ecksteinen des Kirchenjahres verschiedene Gedanken durch den Kopf.
Da ist die Erfahrung der Besatzung:
Viele unserer christlichen Mitarbeiter haben zu Ostern für 2 Wochen Erlaubnisscheine bekommen, mit denen sie in dieser Zeit Israel besuchen, den Weg Jesu nachgehen und die Heiligen Stätten ansehen können. Es sind diesmal weit mehr als an Weihnachten. Das freut uns natürlich sehr. Warum wer einen und wer wieder keinen bekommen hat, bleibt uns verborgen. Da die Mitarbeiter in Talitha Kumi seit 2 Jahren keinen Ausflug mehr gemacht haben, beginnen wir einen Betriebsausflug nach Tiberias und zu dem Mount Hermon anzudenken, in der Hoffnung, dass unsere muslimischen Mitarbeiter für diesen Ausflug auch einen Erlaubnisschein bekommen werden, leider vergebens.
So fahren wir ohne unsere muslimischen Mitarbeiter. Bei mir macht sich ein sehr beklemmendes Gefühl breit, das mich fast zerreißt. Trotzdem war es für die, die gefahren sind, ein beeindruckendes Erlebnis, den Mount Hermon, die Wasserfälle von Banyas und vieles mehr zu erleben. Die meisten hatten noch nie eine so grüne Landschaft gesehen und noch nie das Wasser so rauschen gehört.
Da ist andererseits die Entscheidung zur Gewaltlosigkeit.
Ein Projekt, das derzeit bei uns in Zusammenarbeit mit der Universität Bethlehem läuft, ist ein Religionsvergleich von Schülern der 10. Klasse in Talitha Kumi mit dem Titel: "Die Religion des anderen kennen, verstehen, respektieren lernen." Die Schüler haben die Aufgabe, ausgewählte Symbole und Ausdrucksformen ihrer Religion den Schülern der anderen näher zu bringen: Die Christen und Muslime sind engagiert dabei, Imam und Priester, Koran und Bibel, den heiligen Freitag und Sonntag, die Rolle des Gebets usw. miteinander zu vergleichen. Da gibt es viele schwierige Themen, die immer wieder zu Fragen und zu kontroversen Antworten führen. Die Art und Weise, wie geredet wird, ist beeindruckend offen und ernsthaft. Das Bemühen den andern zu verstehen dominiert. Auch daran merkt man, dass Religion hier nicht einfach intellektuelle Spielerei, sondern existentiell ist, eines der wichtigsten Identitätsmerkmale, das lebens- und gemeinschaftsbestimmend ist.
In einem anderen Projekt, das unter der Schirmherrschaft des Rotary Clubs Jerusalem steht, versuchen wir israelische und palästinensiche Schüler zusammen zu bringen. Dies ist ein sehr schwieriges Unterfangen, das nach 6 Monaten immer noch am seidenen Faden hängt. Mal dürfen die israelischen Schüler nicht zu uns kommen, mal wollen sie nicht. Mal bekommen wir für unsere 16-jährigen Schüler ein Permit für Jerusalem, mal nicht. Wir wollen sehen, wie sich das weiter entwicklelt.
Die Mauer entlang der Straße 60 steht schon über eine sehr weite Strecke. Talitha Kumi ist von Jerusalem her kommend nicht mehr ohne Weiteres über die Straße 60 erreichbar, man kann von ihr nicht mehr nach Talitha Kumi abbiegen. Von Talitha Kumi kommend kann man zwar noch auf die Straße 60 in Richtung Jerusalem einbiegen, umgekehrt geht es jedoch nicht mehr. Für alle Beteiligten ist dies eine erhebliche Verschlechterung der Verkehrssituation.
In der Schule geht alles seinen gewohnten Gang. Die Klasse 12 befindet sich schon in ihrem letzten Examen, nachdem der Lehrplan erschöpfend behandelt worden war. Der Lehrplan ist in letzter Minute von dem Palästinensischen Erziehungsministerium bedingt durch den über 3 Monate dauernden Schulstreik etwas gekürzt worden. Das hat unsere Schüler natürlich gefreut.
Immer wieder haben wir unseren politischen Beitrag in Palästina formuliert. Wir haben dabei 3 Punkte hervorgehoben: unser Bemühen, Erfahrungen mit der Demokratie in der Schule machen zu lassen, eine besondere Betonung der Mädchenerziehung und die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen.
Wir haben betont, dass wir uns eines Tages eine Ministerin in Palästina wünschen, die in Talitha Kumi ausgebildet und durch die Werte unserer Schule geprägt worden ist. Wir haben gehofft, dass sich diese Ministerin mit ihrem deutschen Amtskollegen auf Deutsch verständigen und deshalb sehr effektiv mit ihm zusammenarbeiten kann. Dieser Wunsch ist schneller in Erfüllung gegangen als wir zu hoffen gewagt haben.
Kholoud Daibes-Abu Dayyeh, ehemalige Talitha Kumi- Schülerin, ist in der neuen Regierung der nationalen Einheit als parteilose Frau Ministerin für Tourismus geworden. Wir freuen uns darüber und sind sehr zuversichtlich, dass unsere Hoffnungen mit ihr in Erfüllung gehen.
Sie hat bei einer kleinen Ansprache anlässlich der Muttertagsfeier in Talitha Kumi gerade den schulischen Einfluss von Talitha Kumi auf ihren Lebensweg herausgehoben.
Nächste Woche ist Ostern. Da denken wir an die letzten Tage Jesu, an seinen Tod und an seine Auferstehung. Mit seiner Auferstehung sind Barrieren überwunden worden, was uns neues Leben gibt. Die Botschaft von Ostern gibt uns Kraft und Mut vertrauensvoll nach vorne zu blicken.
Wir aus Talitha Kumi wünschen Ihnen von ganzem Herzen und mit großer Freude "frohe Ostern". Wir bedanken uns für Ihre Begleitung und wünschen uns, dass Sie auch weiter unseren Weg verfolgen.
Frohe Ostern
Ihr
Dr. Georg Dürr
Schulleiter Talitha Kumi
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